Irgendwie hat man es doch geahnt. 13 Bundesligaspiele hatte der FC Schalke 04 seit dem 29.10.2006 absolviert, und kein einziges hatten die „Königsblauen“ verloren. Und irgendwie war es dem objektiven Betrachter doch nie ganz geheuer, diese demonstrative Ruhe und Souveränität, welche die Schalker Spieler und Vereinsoberen in den letzten Wochen demonstrierten, immer in der Gewissheit, dass ALLES perfekt für sie läuft und scheinbar auch jeder Konkurrent ihnen in die Karten spielt. Was wohl passieren mag, wenn der erste Rückschlag seit Monaten folgen würde, war man geneigt, hinter vorgehaltener Hand zu munkeln. Denn: Natürlich spielte Schalke, insbesondere in den letzten Wochen, in einer eigenen Liga, mit breiter Brust, feiner Technik, taktischer Sicherheit und nötiger Kaltschnäuzigkeit wurden die Punkte mit schlafwandlerischer Konsequenz eingefahren und der stagnierende Konkurrent Bremen auf immer größere Distanz gehalten. Aber: Es ist immer noch derselbe Kader, der in der ersten UEFA-Pokal-Runde so kläglich an Nancy scheiterte. Und es sind dieselben Spieler, die aufgrund eingebildeter unfairer Behandlung einen monatelangen, unsäglichen Presseboykott durchzogen. Es ist dasselbe Team, das den verdienten Frank Rost aufgrund eines eskalierenden Machtkampfes mit Kapitän Marcelo Bordon unverhohlen ausbootete. Und diese Truppe hat denselben Trainer, der in der vergangenen Saison blitzschnell den vakanten Posten seines geschassten Ex-Cheftrainers Ralf Rangnick übernahm. Es war ein zweifelhaftes Schmierentheater, aus dem Mirko Slomka als Sieger hervorging, und sein ehemaliger bester Freund beleidigt in der Öffentlichkeit über die Hinterhältigkeit seines ehemaligen Gehilfen schimpfte. Slomka hingegen salbaderte noch vor wenigen Wochen in der SportBild, wie sehr es ihn belaste, in Rangnick, einen so guten Freund verloren zu haben und dass ihm sogar dessen Familie fehle. Es hatte die Glaubwürdigkeit von Donald Rumsfeld vor dem UN-Sicherheitsrat, und in jedem „Tatort“ wäre Slomka aufgrund jenes Interviews sofort der Hauptverdächtige gewesen. Zieht man auch noch die „Maulwurf“-Affäre um Gerald Asamoah kurz vor dessen schwerer Verletzung hinzu, so gewinnt man schnell den Eindruck, dass der Grat zwischen menschlicher Größe und grotesker Seifenoper nirgendwo in Fußballdeutschland so schmal ist wie in Gelsenkirchen. Das ist nicht neu, lässt sich jedoch offensichtlich sogar in der Aussicht auf größtmöglichen Erfolg nicht völlig verbergen. Auf Schalke bleibt immer ein bitterer Beigeschmack.Denn wahrer Charakter kommt vor allen Dingen in Krisenzeiten zum Ausdruck. Und obwohl Schalke am letzten Wochenende trotz einer 2:0-Führung in Wolfsburg nur ein Remis erreichte, und obwohl ein Dutzend Chancen gegen Bayer Leverkusen die 0:1-Heimpleite nicht verhindern konnten, wäre es aufgrund vier Punkten Vorsprung auf Verfolger Stuttgart und weiterhin glückloser Bremer doch äußerst hanebüchen, von einer Krise zu reden. Aber entscheidend sind auf Schalke auch nicht die harten Fakten, es ist vielmehr das labile Gemüt der Spieler, das nach der Niederlage am Sonntag für die bezeichnenden Szenen des Wochenendes sorgte. Lincoln rastete aus, wie einst im Ligapokal, und es zählt nicht, wer von wem provoziert wurde, als er Bernd Schneider ins Gesicht langte, denn Lincoln ist Wiederholungstäter und so droht ihm pünktlich zur entscheidenden Saisonphase eine lange Sperre. Dass sich im Anschluss in den Katakomben auch noch Zlatan Bajramovic vor laufenden TV-Kameras ein peinliches Wortgefecht mit Schneider lieferte, passt ins Bild. Man wird einfach das Gefühl nicht los, dass der FC Schalke 04 eine Mannschaft aus unreifen Söldnern ist, die zwar zu einem großen Teil über alle Maßen begabt, aber charakterlich selten auf der Höhe des Geschehens sind. Es ist kein Zufall, dass Hamit Altintop nach dieser Saison nach München geht. Er ist mit seinen Einsatzzeiten unzufrieden, aber er spielt in der Mannschaft mit den mit Abstand besten Titelaussichten, er könnte an einer Ära mitbauen und – im Gegensatz zum FC Bayern – in der nächsten Saison mit Sicherheit in der Champions League spielen. Er könnte versuchen, sich seinen Platz im Team zu erkämpfen. Aber er geht. Weil er zu bequem ist? Oder weil es aussichtslos ist? Und was wäre überhaupt weniger peinlich für Schalke? Es liegt nun an der Konkurrenz, dem FC Schalke zu beweisen, dass es neben der sportlichen Klasse auch charakterlicher Größe bedarf, um nach 34 Spieltagen ganz oben zu stehen. Die Frage bleibt, ob die anderen Teams zu diesem Zweck noch aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen, oder ob sich die Schalker mit der ihnen eigenen „totalen Dominanz“ am Ende gar völlig selbstständig zerfleischen. Ganz ohne fremdes Einwirken…
„Und du willst Brasilianer sein?“ So soll Bernd Schneider (im WM-Finale 2002 spielte er – wie allseits bekannt – selbst „brasilianischer als die Brasilianer) Lincoln nach dem Schlusspfiff provoziert haben. Vielleicht hätte er ihn eher fragen sollen: „Und du willst Deutscher Meister werden?“
Tim Sohr