Konkurrenz belebt das Geschäft
Deutschland ist auf einem guten Weg zur Europameisterschaft 2008. Streckenweise begeisternden Fußball präsentierte das einstige „Sorgenkind Nationalmannschaft“ im bisherigen Verlauf der Qualifikation. Ein unbelehrbarer Pessimist, wer noch an einer Teilnahme in Österreich und der Schweiz zweifelt. Doch in guten Zeiten vernebelt sich der Blick gerne, verschließen sich die Augen vor der Realität. Joachim Löw hat seit der Übernahme des Bundestrainer-Postens von Jürgen Klinsmann offensichtlich alles richtig gemacht. Er verfügt über sensationelles Fachwissen, trifft grundsätzlich die richtigen – und vor allen Dingen: faire – personelle Entscheidungen, und zudem ist er insgesamt ein smarter Repräsentant der Mannschaft, des DFB, der Nation. Und doch gibt es da eine Sache, die verwundert: Es war kurz nach der Übernahme des Trainergespanns Klinsmann / Löw im Spätsommer 2004, als Oliver Kahn völlig zu Recht seiner nicht hinterfragten Alleinherrschaft im deutschen Tor „beraubt“ wurde. Es solle fortan einen fairen Wettbewerb um den Posten der „Nummer Eins“ im deutschen Tor geben, und überhaupt, wer könne denn knapp zwei Jahre vor einem Turnier wissen, ob der derzeitige Stammkeeper nicht irgendwann einen Leistungseinbruch erleiden würde. Das medial aufgebauschte Peinlichkeitsduell Kahn / Lehmann in den Jahren 2004-06 hat kein Fußballfan vergessen. Die Grundidee dahinter blieb dennoch völlig nachvollziehbar. Umso schaler wurde der Beigeschmack, als Joachim Löw kurz nach der WM verkündete, Jens Lehmann bleibe bis zur EM 2008 die unumstrittene Nummer Eins. Alles applaudierte, Lehmanns Spickzettel und seine Elfmeter-Heldentaten gegen Argentinien noch in ganz frischer Erinnerung. Kahn war’s egal, er hatte die deutschen Handschuhe nach seinem (Abschieds-)Spiel um Platz 3 bereits hingeschmissen. Robert Enke wird sich allerdings gewundert haben, was aber auch in der Folgezeit an seiner beeindruckenden Konstanz nichts ändern sollte. Und Timo Hildebrand schien dadurch gleich derart motiviert zu werden, dem VfB Stuttgart die Meisterschaft festzuhalten, um das Land anschließend gen schönes Valencia zu verlassen.
Jens Lehmann patzte am ersten Spieltag der gerade gestarteten EM-Saison in der Premier League gegen den FC Fulham bereits nach 52 Sekunden. Sein Team rettete ihn allerdings und drehte das Match noch – 2:1. Am Sonntag nun, nur eine Woche später, führten die Gunners durch Robin van Persie lange Zeit mit 1:0 bei den Blackburn Rovers. Bis Lehmann in der 71. Minute einen 25-Meter-Schuss von David Dunn durch die Arme rutschten ließ und zwei Punkte verschenkt waren. Was Lehmann nun innerhalb von sieben Tagen passierte, leistete sich Kahn bis zur WM 2006 innerhalb von zwei Jahren. Mit dem Unterschied, dass der polarisierende Bayern-Keeper damals unter Brennglasbeobachtung und verschärftestem Konkurrenzdruck stand. Den gegenteiligen Umständen, unter denen der alternde Lehmann momentan agiert, agieren darf. Eine Veränderung der aktuellen Situation, was gleichberechtigte Chancen im deutschen Tor angeht, könnte zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich tatsächlich kontraproduktiv sein. Es bleibt nur zu hoffen, dass man Löw im Juli 2008 nicht nachträglich vorwerfen muss, schon in seiner ersten Amtshandlung wichtige Grundsätze über Bord geworfen zu haben. Denn Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft.
Autor: Tim Sohr